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Willkommen auf der Seite der "Textinitiative Fukushima"

 Nukleare Narrationen 2

Der Band "Kinder im Atomzeitalter. Berichte, Befunde, Bilder" ist rechtzeitig zum achten Jahrestag der Dreifachkatastrophe im März 2019 erschienen. Die Redaktion widmet sich nun dem Projekt „Olympia 2020 Tôkyô und Fukushima – Die Spiele der Weltrisikogesellschaft“. Bedingt durch diese und andere Publikationstätigkeiten werden die Entwicklungen in Japan in größeren Abständen kommentiert. Nach wie vor sollen jedoch Hinweise auf japanische / westliche Publikationen und Veranstaltungen zum Thema „Japan nach ‚Fukushima‘“ oder allgemein zur Zeitgeschichte des Atomaren bekannt gegeben werden.


Aktuelles

Roboter untersucht Kernbrennstoff ǀ Februar 2019

„Fast acht Jahre nach der Atomkatastrophe in Fukushima haben die Betreiber des japanischen Atomkraftwerks einen komplizierten Einsatz zur Untersuchung des geschmolzenen Kernbrennstoffs gestartet. Wie der Kraftwerksbetreiber Tepco mitteilte, wurde am Mittwoch (Ortszeit) ein Roboter in einen der zerstörten Reaktoren geschickt, um die Brennstoffreste zu untersuchen. Das Gerät soll herausfinden, ob die hochradioaktiven Überreste in Reaktor 2 fest genug für eine Entsorgung sind oder bei einer Berührung sofort zerbröseln.“ (t-online Nachrichten)

Link: https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_85244504/fukushima-roboter-untersucht-geschmolzenen-kernbrennstoff-in-japanischer-atomruine.html


Ex-Premierminister Koizumi Jun’ichirô 小泉 純一郎 votiert für Zero Nuclear Power

“Koizumi says Japan must say ‘no’ to nuclear energy”

“Koizumi, 76, published his first book by his own hand titled “Genpatsu Zero Yareba Dekiru” (We can abolish all nuclear plants if we try) in December. It is available from Ohta Publishing Co.  In it, he lambasts consumers for lacking a sense of crisis and simply believing a serious accident like the Fukushima disaster will never happen again in Japan during their lifetime. 
In a recent interview with The Asahi Shimbun, Koizumi said it was “a lie” to claim that nuclear power is “safe, low-cost and clean,” although that is precisely what he espoused when he held the reins of power.” (The Asahi Shinbun, 17. Januar 2019)

 Link: http://www.asahi.com/ajw/articles/AJ201901170010.html

Nachtrag: Koizumis Engagement für US Seeleute, die von der Nuklearhavarie in Fukushima betroffen sind

“Koizumi, 74, visited a group of the sailors, including Zeller, in San Diego in May, breaking down in tears at a news conference. Over the past several months, he has barnstormed Japan to raise money to help defray some of their medical costs. The unusual campaign is just the latest example of Koizumi’s transformation in retirement into Japan’s most outspoken opponent of nuclear power. Though he supported nuclear power when he served as prime minister from 2001-06, he is now dead set against it and calling for the permanent shutdown of all 54 of Japan’s nuclear reactors, which were taken offline after the Fukushima disaster. “I want to work hard toward my goal that there will be zero nuclear power generation,” Koizumi said in an interview in a Tokyo conference room.” (Nuclear News)

https://nuclear-news.net/tag/junichiro-koizumi/


Tawada Yôkos „Der Sendbote“ - Kurzrezension

Tadawa Yôkos Kentôshi (2014; Der Emissarius), in deutscher Übersetzung 2018 unter dem Titel „Sendbo-o-te“ erschienen, ist ein vielschichtiger Text: ein postapokalyptisches Märchen, eine Zukunftsvision der Post-Heisei Ära, eine Vision der Konvivalität mit dem Nuklearen, eine vitalistische Mutationsphantasie in der Ära des Posthumanismus – oder die literarische Umsetzung einer Verlautbarung zum Thema „vererbbare Schäden“ wie man sie etwa auf der Homepage des Bundesamts für Strahlenschutz findet:

„Wirkt ionisierende Strahlung auf Keimdrüsen (Hoden bzw. Eierstöcke) oder Keimzellen (Samen- bzw. Eizellen), kann sie Schäden in deren Erbgut (Mutationen) verursachen, die zu genetisch bedingten Krankheiten (Erbschäden) führen können. Diese können sich bei den Kindern und Kindeskindern der bestrahlten Personen in Form von Fehlbildungen, Stoffwechselstörungen, Immunschäden etc. auswirken, aber auch erst nach vielen Generationen sichtbar werden.“ (http://www.bfs.de/DE/themen/ion/wirkung/genetisch/genetisch_node.html)

Die Autorin beobachtet die Lebensbedingungen in einem Japan der nahen Zukunft, in dem sich eine menschengemachte Katastrophe ereignete und das sich seitdem als in weiten Teilen kontaminierte Zone von der Welt abschottet. In vielen Bereichen dienen mittelalterliche Vorbilder zur Orientierung, um die aufgegebenen Infrastrukturen zu kompensieren und Situation mental zu bewältigen. Hauptfiguren sind der alte Yoshiro und sein Urenkel Mumei (im deutschen Text Mumey), die in einer bescheidenen Notunterkunft außerhalb der verödeten Bezirke Zentral-Tokyos wohnen. Mumei ist das Kind des Sohnes von Yoshiros Tochter Amana. In der dritten Generation haben sich die Folgen des Desasters schon deutlich manifestiert. Während Amana und ihr Sohn Tomo mehr oder weniger stark ausgeprägte Persönlichkeitsstörungen aufweisen, zeigen sich bei Mumei fortgeschrittene körperliche Deformationen – ein krummer Rücken, gebogene Beine, schütteres fahles Haar und eine angeborene Vitalschwäche. Normale Bewegung fällt ihm schwer, geschweige denn die Nahrungsaufnahme. Yoshiro verfügt über die stabile Gesundheit der alten Generation, die mühelos ein Alter von über hundert Jahren erreicht. Die Behinderung seines geliebten Urenkels schmerzt ihn, da er offensichtlich noch den Vorstellungen von Normalität wie sie im 20. Jahrhundert galten, anhängt.
     Mumei stellt in Tawadas Variante einer Post-Fukushima-Erzählung den neuen Menschen dar – ein Mutant, eine Zwischenstufe auf dem Weg in eine ganz andere Welt. Charakteristisch für ihn sind das Fluide, die Transparenz, sein gleichmütiges Temperament und eine ihm eigene „sonderbare und rätselhafte Weisheit“. Es scheint, als gleiche er sich zunächst einer zoomorphen Form zwischen Vogel und Krake an, ähnlich wie seine fragile, früh verstorbene Mutter, nur um sich dann aufzulösen, mit der Erde oder der Weltkarte zu verschmelzen und letztlich vollends die Form aufzugeben. Mumei existiert jenseits bekannter Strukturen, entpuppt sich am Ende als telepathisches Transdimensionswesen, das keine Fixierung auf ein „Ich“ und das damit verbundene Leiden kennt.
     Der „Sendbote“ spielt, unbekümmert wie sein Protagonist Mumei, mit den Absurditäten einer Gesellschaft im Übergang, verteilt Seitenhiebe an die politische Kaste, an den Polizeistaat und an das Kaiserhaus, beleuchtet noch einmal den eurozentristischen Lauf der Geschichte um abschließend dann linientreue Medien, geltungssüchtige Publizisten, Intellektuelle und nicht zuletzt die Schriftsteller zu tadeln. Schärfer als die Kritik an Institutionen und sozialen Rollen wirkt jedoch die dem Text inhärente posthumanistische Philosophie. Posthumanistisch eben, weil die Schilderungen und Argumentationen, vor allem aber die Literatur- und Sprachkritik sowie die sich aus der narrativen Logik des Erzählten ergebende Auflösung der alten Sinnkonstituenten in eine subatomare, mit Worten nicht mehr fassbare „Wirklichkeit“ übergeht.

Lisette Gebhardt (Januar 2019) 


Nakamura Atsuo: "Wenn das Dosimeter piept: Monolog eines ehemaligen Atomkraftwerksspezialisten"

Nakamura Atsuo wurde 1940 in Tokyo geboren. Bekannt ist er in Japan nicht nur durch seine Filmrollen, sondern vor allem durch seine Präsenz in zahlreichen Fernsehdramas und Werbungen. Als Mitglied des Oberhauses von 1998 bis 2004 war er einer der ersten Politiker, der sich im Jahr 2002 dafür einsetzte, eine landesweite Umweltpartei zu schaffen, und so nannte er die von ihm damals geführte Partei Sakigake (Der Vorbote) in Midori no kaigi (Versammlung der Grünen) um. Von 2007 bis 2010 hielt er an der Dōshisha Universität/Kyoto Vorlesungen auf dem Gebiet der Umweltsoziologie.

In seinem am 25. Oktober 2018 veröffentlichen Theaterstück Wenn das Dosimeter piept: Monolog eines ehemaligen Atomkraftwerksspezialisten (Senryōkei ga naru: moto genpatsu gishi no monorōgu) gibt es nur eine Rolle. Besetzt ist sie von einem alten Mann, der als Facharbeiter für Rohrinstallation im AKW Fukushima Daiichi tätig war, dann für ein Jahrzehnt zum Ökobauern wurde, seine Frau verlor, sich um seine Schwiegermutter kümmerte, bevor am 11. März 2011 die Dreifachkatastrophe alles veränderte und er zu begreifen begann, was er selbst getan hatte, und was bisher ohne sein Wissen in Japan geschehen war. Im Monolog spricht er über historische, politische und gesellschaftliche Veränderungen, die durch das Betreiben der 54 Kernkraftwerksreaktoren in Japan vorangetrieben worden waren und welche Bedeutung das alles hatte. Vorgetragen wird der Text durchgehend in der regionalen Mundart Nordostjapans, dem Tōhoku-Dialekt. Dies vereinfacht die Lektüre (meist) und fesselt den Zuhörer so, dieser doch sehr mit Fakten gesättigten Erzählung zu folgen.

Der zweite Teil des Buches enthält einen „Einakter“ mit dem Titel Der Alte und der Frosch (Rōjin to kaeru). Dieser kurze Text, der trotz seiner inhaltlichen Schwere sehr humoristisch bis slapstickartig vorgetragen werden kann und muss, erzählt die Geschichte eines Gesprächs zwischen dem alten Mann aus der ersten Geschichte und einem an die Werke Bashō Matsuos (1644-1694) erinnernden Frosch. Während der Alte kurze Passagen aus dem ersten Teil der Geschichte noch einmal direkt aufgreift und den Inhalt nicht nur neu strukturiert, sondern auch komprimiert, nimmt der Frosch die diskursive Position der Tiere und der Natur ein und spiegelt in dieser Rolle dem Alten die eigenen Unzulänglichkeiten und blinden Flecken seiner Narration wider. Der Frosch ist das moralische Gewissen der Menschheit. Durch die Einführung dieser Rolle gelingt es Nakamura, den Diskurs um die negativen Aspekte der Kernenergie in einen größeren, gar über/menschlichen Kontext zu setzen und somit die moralische Stoßrichtung seines Werkes nicht dem Menschen selbst in den Mund zu legen, sondern sie von einem Wesen aussprechen zu lassen, dass gemeinhin nicht als dem Menschen ebenbürtig gilt.

Link: http://www.cnic.jp/english/?p=3901 (Who's Who: Atsuo Nakamura, Citizens' Nuclear Information Center)


Volunteer Olympia 2020 Tokyo

“Bis Anfang Dezember können sich Interessierte online anmelden. Wer sich für beide Veranstaltungen, für Olympische Spiele und Paralympics, registrieren möchte, müsse mindestens 20 Tage (jeweils zehn) zur Verfügung stehen. Bewerbungen, so heißt es, werden nicht aufgrund ihres zeitlichen Eingangs bewertet. 

„Freiwillige sind das Gesicht der Olympischen und Paralympischen Spiele, und deren Erfolg hängt von Eurem Beitrag ab“, so heißt es in der Ankündigung. Deshalb begrüße Tokio die Bereitschaft von Menschen, die mit Leidenschaft zum Erfolg der Spiele beitragen wollen. Neben der Möglichkeit, als „Games volunteer“ beispielsweise an Sportstätten oder im Olympischen Dorf zu arbeiten, können Freiwillige sich auch bei der Stadt Tokio als „City volunteers“ anmelden.

Sie werden zur Unterstützung von Zuschauern oder Touristen an Flughafen, Bahnhöfen oder beliebten touristischen Orten eingesetzt. Ausdrücklich nennen die Organisatoren die Möglichkeit, dass sich auch Menschen mit Behinderung bewerben können.“

Links:
https://tokyo2020.jp/jp/get-involved/volunteer/data/volunteer-summary_EN.pdf
https://www.dosb.de/sonderseiten/news/news-detail/news/jetzt-als-volunteer-fuer-tokio-2020-bewerben/
https://tokyo2020.org/en/special/volunteer/
https://tokyo2020.org/en/
http://www.city-volunteer.metro.tokyo.jp/index.html
https://www.facebook.com/konekomagazin/posts/1640103749364111 (Koneko)
https://www.youtube.com/watch?v=aXbN3Tz4YHI&feature=youtu.be (東京2020大会ボランティア応募促進ムービー, Nippon Foundation)
https://www.youtube.com/channel/UCfB5YUqIaXP1o-6ncpUIa6w (ボランティアサポートセンター日本財団)

Exkurs: https://www3.nhk.or.jp/nhkworld/en/tv/lens/422_28.html (TOKYO’S HOMELESS in the Shadows of the Olympics, Michael Goldberg): “The homeless in Japan are almost invisible. It’s not that homelessness doesn’t exist, but that they aren’t ‟in your face”, the way one would expect in other societies. The homeless are also dwindling in number, as they age along with the general population and are accepted by Social Welfare programs. For various reasons, some fall through the ‟safety net”. With the advent of the Tokyo 2020 Olympics, these urban poor are under pressure to disappear. What does the future hold for them?“


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